Was ist EMDR? Ablauf, Wirksamkeit und für wen es geeignet ist

Was ist EMDR? Ablauf, Wirksamkeit und für wen es geeignet ist

6 Min. Lesezeit
psynio Redaktion
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Maria sitzt im Therapiestuhl und folgt mit ihren Augen den rhythmischen Handbewegungen ihrer Therapeutin. Gleichzeitig denkt sie an den Autounfall vor zwei Jahren, der sie seitdem verfolgt. Nach nur wenigen Sitzungen EMDR kann sie erstmals wieder ohne Panik Auto fahren. Was nach einem simplen Verfahren aussieht, basiert auf jahrzehntelanger Forschung und hat bereits Millionen von Menschen weltweit geholfen.

EMDR steht für "Eye Movement Desensitization and Reprocessing" und wurde in den 1980er Jahren von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro entwickelt. Die Methode kombiniert Elemente verschiedener Psychotherapieansätze mit einer speziellen Form der bilateralen Stimulation, meist durch Augenbewegungen.

Die Grundlagen von EMDR verstehen

Die Wirkweise von EMDR beruht auf der Annahme, dass traumatische Erlebnisse oft unvollständig verarbeitet werden. Diese Erinnerungen bleiben im Gehirn "stecken" und können durch verschiedene Auslöser immer wieder aktiviert werden. Betroffene erleben dann die ursprünglichen Gefühle und körperlichen Reaktionen erneut, als würde das Trauma gerade geschehen.

Während der EMDR-Behandlung werden durch die rhythmischen Augenbewegungen beide Gehirnhälften aktiviert. Neurobiologische Studien zeigen, dass dieser Prozess die natürlichen Heilungsmechanismen des Gehirns unterstützt. Die bilaterale Stimulation scheint die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen zu fördern und ermöglicht eine adaptive Verarbeitung der belastenden Erinnerungen.

Besonders bemerkenswert ist, dass EMDR nicht nur die emotionale Belastung reduziert, sondern auch die Art verändert, wie Erinnerungen gespeichert sind. Nach erfolgreicher Behandlung können Betroffene an das traumatische Ereignis denken, ohne von den ursprünglich überwältigenden Emotionen überflutet zu werden.

Der strukturierte EMDR Ablauf in acht Phasen

Professionelle EMDR-Therapeuten folgen einem strukturierten achtstufigen Protokoll, das über mehrere Sitzungen verteilt wird. Jede Phase hat spezifische Ziele und baut auf der vorhergehenden auf.

Anamnese und Behandlungsplanung

Die erste Phase umfasst eine ausführliche Anamnese und die Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans. Therapeuten erfassen die Traumageschichte, aktuelle Symptome und die Stabilität der Klienten. Diese Einschätzung bestimmt, ob EMDR geeignet ist oder zunächst stabilisierende Maßnahmen erforderlich sind.

Vorbereitung und Ressourcenaufbau

Phase zwei fokussiert auf die Vorbereitung der Klienten. Therapeuten erklären das EMDR-Verfahren detailliert und bauen Vertrauen auf. Verschiedene Entspannungs- und Selbstberuhigungstechniken werden vermittelt, die während und nach der Behandlung hilfreich sind. Diese Stabilisierungsphase kann je nach individuellem Bedarf mehrere Sitzungen umfassen.

Bewertung und Zielsetzung

In der dritten Phase wird die zu bearbeitende Erinnerung spezifisch identifiziert. Klienten beschreiben das belastendste Bild, die damit verbundenen negativen Gedanken und körperlichen Empfindungen. Gleichzeitig wird ein positiver Zielbegriff formuliert, der die gewünschte neue Sichtweise ausdrückt.

Desensibilisierung durch bilaterale Stimulation

Phase vier bildet das Herzstück der EMDR-Behandlung. Während die Klienten sich auf die traumatische Erinnerung konzentrieren, folgen sie mit den Augen den rhythmischen Handbewegungen der Therapeuten. Diese bilaterale Stimulation kann auch durch Töne oder Berührungen erfolgen. Zwischen den Stimulationsphasen teilen Klienten ihre aktuellen Wahrnehmungen mit.

Verankerung positiver Überzeugungen

Nach der Desensibilisierung wird in Phase fünf die positive Überzeugung verstärkt. Die bilaterale Stimulation wird nun verwendet, um die neue, adaptive Sichtweise zu festigen. Klienten spüren oft deutlich, wie sich ihre Einstellung zu dem Ereignis verändert.

Körperliche Integration

Phase sechs überprüft die körperliche Reaktion auf die Erinnerung. Eventuelle Restspannungen oder unangenehme Körperempfindungen werden durch weitere bilaterale Stimulation aufgelöst. Vollständige körperliche Entspannung signalisiert erfolgreiche Verarbeitung.

Abschluss und Stabilisierung

Jede Sitzung endet mit einer Stabilisierungsphase. Klienten werden in einen ruhigen, ausgeglichenen Zustand begleitet. Entspannungsübungen und Selbstfürsorge-Strategien werden noch einmal geübt.

Überprüfung und Integration

Die achte Phase findet zu Beginn der Folgesitzung statt. Therapeuten erfragen, wie es den Klienten seit der letzten Sitzung ergangen ist und ob neue Aspekte aufgetaucht sind, die Beachtung brauchen.

Wissenschaftlich belegte EMDR Wirksamkeit

Die EMDR Wirksamkeit ist durch zahlreiche kontrollierte Studien belegt. Internationale Behandlungsleitlinien, einschließlich der deutschen S3-Leitlinie, empfehlen EMDR als Therapie der ersten Wahl bei posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Methode zeigt vergleichbare Erfolgsraten wie die Traumafokussierte Kognitive Verhaltenstherapie, oft jedoch in kürzerer Behandlungszeit.

Metaanalysen zeigen, dass etwa 77-90% der Betroffenen mit einer einzelnen Traumatisierung nach wenigen EMDR-Sitzungen keine Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung mehr erfüllen. Auch bei komplexeren Traumafolgestörungen werden gute Behandlungsergebnisse erzielt, wenngleich häufig längere Behandlungszeiträume erforderlich sind.

Neurologische Untersuchungen mittels funktioneller Magnetresonanztomographie zeigen, dass EMDR messbare Veränderungen in der Gehirnaktivität bewirkt. Besonders die Aktivität in der Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, normalisiert sich nach erfolgreicher Behandlung.

Anwendungsgebiete jenseits klassischer Traumata

EMDR wird erfolgreich bei verschiedenen psychischen Belastungen eingesetzt. Neben posttraumatischen Belastungsstörungen profitieren Menschen mit Angststörung und Phobien häufig von der Methode. Besonders bei spezifischen Ängsten, die durch belastende Erlebnisse entstanden sind, zeigt EMDR oft schnelle Erfolge.

Bei Depression kann EMDR hilfreich sein, wenn traumatische Erlebnisse zur Entstehung oder Aufrechterhaltung der Depression beitragen. Die Bearbeitung dieser Erinnerungen kann depressive Symptome deutlich reduzieren. Auch bei Trauer nach Verlusterlebnissen oder belastenden Lebensereignissen wird EMDR erfolgreich angewendet.

Menschen, die unter Stress, Burnout und Mobbing leiden, können ebenfalls von EMDR profitieren. Besonders wenn spezifische belastende Situationen am Arbeitsplatz oder in anderen Lebensbereichen verarbeitet werden müssen, kann die Methode zur schnellen Entlastung beitragen.

Für wen EMDR geeignet ist

EMDR eignet sich für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, die unter den Folgen belastender Erlebnisse leiden. Die Methode kann sowohl bei einzelnen traumatischen Ereignissen als auch bei wiederholten Traumatisierungen angewendet werden. Wichtig ist eine ausreichende emotionale Stabilität, um die intensive Auseinandersetzung mit belastenden Erinnerungen zu bewältigen.

Menschen mit akuten psychotischen Zuständen, schweren dissoziativen Störungen oder akuter Suizidalität sind zunächst nicht für EMDR geeignet. Hier müssen erst stabilisierende Maßnahmen ergriffen werden. Auch bei bestimmten Augenkrankheiten oder neurologischen Erkrankungen ist Vorsicht geboten, wobei alternative Formen der bilateralen Stimulation verwendet werden können.

Die Bereitschaft, sich auf den EMDR-Prozess einzulassen, ist grundlegend für den Erfolg. Klienten sollten verstehen, dass während der Behandlung zunächst eine Verstärkung der Symptome auftreten kann, bevor Besserung eintritt.

Die Suche nach qualifizierten EMDR-Therapeuten

Qualifizierte EMDR-Therapeuten haben eine spezielle Ausbildung absolviert und werden von anerkannten Instituten zertifiziert. In Deutschland stehen über 1.600 ausgebildete EMDR-Therapeuten zur Verfügung. Großstädte wie Berlin mit über 2.300 Therapeuten insgesamt, München mit mehr als 1.000 Therapeuten oder Hamburg und Köln mit jeweils knapp 1.000 Therapeuten bieten eine große Auswahl.

Bei der Therapeutensuche sollten Betroffene auf die EMDR-Zertifizierung achten und sich über die Erfahrung mit ihrem spezifischen Problembereich informieren. Ein erstes Gespräch hilft dabei, die Passung zwischen Therapeut und Klient zu bewerten.

EMDR kann sowohl als eigenständige Therapie als auch in Kombination mit anderen Verfahren durchgeführt werden. Viele Therapeuten integrieren EMDR in ihre Behandlung mit Humanistische Verfahren, Körperorientierte Verfahren oder Systemische Therapie, je nach individuellen Bedürfnissen.

Wer unter den Folgen belastender Erlebnisse leidet, sollte nicht zögern, professionelle Hilfe zu suchen. EMDR bietet nachweislich wirksame Unterstützung auf dem Weg zu mehr Lebensqualität und emotionalem Wohlbefinden.